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Vom 'Glück des (Selber-)Machens'

und dem 'Stolz' und 'köstlichen' Selbstwertgefühl

· Personalentwicklung,Selbstkompetenz,Sozialkompetenz

berichtete das Magazin GEO in einer Titelgeschichte. Da ist die Rede von Näherinnen, Imkern, Selbstversorgern, Bau- und Braumeistern, Strickern, Seifensiedern, Allesrepariererinnen, Elektronik-Hand-ArByter (eine schöne Wortschöpfung: GEO 08/2015, S. 38). Da ist zu lesen von Begeisterung, von 'Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit gegenüber Dingen, mit denen wir uns umgeben', Leidenschaft, archaischem Glückserleben, 'Protest gegen die Degradierung der Hände', der 'Sehnsucht, stattzufinden'. Das schöpferische Tun all der im Heft porträtierten Menschen zeugt davon, wie sich Menschen auf den Weg in zum Teil fremd gewordene Lerngefilde machen, wie sie Kulturtechniken ausgraben und interpretieren, wie sie mit Lust lernen, ausprobieren, produzieren. Durch dieses Produzierte - das Nähstück, den reparierten Stuhl, die Seife, die Steampunk-Maschine, das Gemüse im Einmachglas - erlebt sich jemand als stattfindend. Im (Selber-)Machen findet Mensch statt - ein fremder, irritierender Gebrauch dieses profanen Verbs stattfinden. Was stattfindet, ist wirklich wirklich, an einem Ort, zu einer Zeit, mit Handlung, Absicht, einem Anfang und einem Ende, meist mit anderen und für andere. Im Machen wird der Mensch wirklich, in seiner Produktivität, seiner Kreativität, seiner Sozialität. Indem er anpackt, wird er selbst greifbar, im Produzierten zeigt sich der Produzent, sich und anderen.

Im Executive Education Report 2016 der Uni St. Gallen wird (ein weiteres Mal) davon berichtet, dass nur 2 von 10 Unternehmen mit den Learning&Development Aktivitäten ihrer Executive Trainings und deren Resultaten zufrieden seien. Drei Ergebnisse des Reports fallen auf: HR-Verantwortliche suchen mehr und mehr nach passgenauen Formaten für ihre Organisation und die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden (1). Ergebnisse von L&D im Bereich des 'non-routine training' lassen sich nicht mit finanziellen Kennziffern messen (2). Bevor Organisationen in Lerntechnologie investieren, sollten sie erst einmal durch traditionelle, face-to-face Lernangebote Grundlagen schaffen (3).

Das sind gute Nachrichten, wie ich finde, und vielleicht ein Zeichen dafür, dass sich diejenigen, die die Theorie und Praxis der Personal- und Organisationsentwicklung (P&OD) beeinflussen, besinnen. Besinnen darauf, dass Menschen auch in Organisationen stattfinden wollen, dass sie auch dort, wo sie arbeiten, wirklich sein wollen. (1) Menschen sind keine Maschinen und jeder Einzelne und jede einzelne Gruppe braucht ein passgenaues Entwicklungsangebot. Ein Verkaufsdirektor diskutiert in der wöchentlichen Sales-Konferenz Umsätze, Umsatzerwartungen und Verkaufsaktivitäten und er öffnet den Raum für alles, was seine Mitarbeitenden bewegt. Die Gruppe geht dann auseinander, wenn sie mit diesem Austausch fertig ist. Teamentwicklung mit dem, was ist. Eine Führungsperson fühlt sich in bestimmten Situationen als Sklave ihrer Projektionen. 'Ich führe mit Unterstellungen' sagt sie, nimmt sich als festgefahren und wenig flexibel und souverän wahr. Sie geht damit ins Coaching. Selbstlernen mit dem, was ist. (2) Das, was soziales und Selbst-Lernen bringt, ist nicht bezifferbar. Ich denke, wir verabschieden von diesem Anspruch der Bilanzierbarkeit und rechnen vielmehr damit, dass sich durch soziales und Selbst-Lernen etwas zeigt. Am ehesten sprechen wir von Emergenzphänomenen. Vielleicht wird die Atmosphäre in einem Team leichter, vielleicht wird mehr diskutiert, vielleicht gehen die Krankmeldungen zurück, vielleicht kündigt aber auch jemand, der an einem anderen Ort besser produzieren kann. In einem Projektteam treten Konflikte zutage und werden ausgetragen. (3) Soziales und Selbst-Lernen ist non-routine Lernen. Dafür braucht es stattfindende, wirkliche Menschen, die einander an einem Ort, zu einer Zeit begegnen. Ich glaube, dass der Begriff des 'traditionellen' Lernangebots in diesem Zusammenhang falsch ist. Traditionen kommen und gehen. Vielleicht ist der Begriff des Originären statt des Traditionellen besser. Es zeigt sich immer wieder, dass Menschen von anderen und durch andere Menschen leicht und gut lernen, vorausgesetzt, ihnen wird Aufmerksamkeit geschenkt, sie werden ernst genommen, sie werden als stattfindend und wirklich wahrgenommen mit dem, was ist. Face-to-face Lernangebote sind essentiell für P&OD. Soziales und Selbst-Lernen in einem Team, einer Gruppe, im Einzelsetting, sind schöpferische Akte, in denen Eigenes, Wahrgenommenes und Fürwahrgehaltenes gezeigt, gesehen, bearbeitet und verändert wird. In diesem Sinn sind wir alle Produzenten, Selber-Macher, vielleicht einmal Virtuosen unserer Selbst.

Wir sind ja nicht nur in der Vor-Hochzeit einer umfassenden Digitalisierungswelle. Viele empfinden sich auch als Marionetten in einer, wie Paul Goodman, Mitbegründer der Gestalttherapie, schon früh konstatierte, zunehmend 'verwalteten Welt'. Und viele fühlen sich fremd und bedroht in einer entgrenzt scheinenden Welt. Ich glaube mehr denn je, dass wir als P&OD Professionals uns zweierlei zur Aufgabe machen müssen: Wirkliche Menschen in ihrer Autonomiefähigkeit UND ihren Fähigkeiten zu Begegnung, Zusammenarbeit, Kommunikation, Konflikt zu unterstützen. Vielleicht stellt sich bei dem einen oder anderen auch ein Glücksempfinden ein.

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